Wer sich bei Motorrad-Equipment umschaut, merkt schnell: Es wird teuer. Besonders bei den Intercoms geht die Kurve steil nach oben. Wie so oft gilt aber auch hier: Abseits der großen Namen muss es nicht immer ein Markengerät sein. Wer einfach ein modernes Intercom sucht, das im Preis-Leistungs-Verhältnis punktet, wird vielleicht beim Lexin MeshCom fündig.
Design & Verarbeitung
Grundsätzlich ähneln sich die Intercoms alle ein wenig, egal ob sie nun von Sena, Cardo oder eben Lexin kommen. Das Lexin MeshCom (MTX) ist trapezförmig, an der Hinterseite etwas höher als an der Front. Auf der so entstehenden Fläche liegt die Steuerungseinheit mit vier Tasten, nach Himmelsrichtungen ausgerichtet. Ein klassisches Bedienfeld also. Einige Konkurrenten verbauen für die Lautstärkeregelung mittlerweile Drehregler.
An der Rückseite sitzt außerdem der einzige USB-C-Anschluss. Mittlerweile nicht mehr so speziell, in der jüngeren Vergangenheit setzten aber viele Intercoms noch auf proprietäre Stecker oder Mikro-USB. Zurück zum Lexin MeshCom: An der oberen Kante befindet sich eine ausklappbare Antenne, auch das haben viele Intercoms gemein. Sie dient dazu, die Reichweite zu erhöhen und den Radioempfang zu verbessern.
Das Gehäuse des Lexin MeshCom Motorrad-Headsets besteht ausschließlich aus Kunststoff, wirkt jedoch robust gefertigt. Es misst 95 x 45 x 25 Millimeter, wiegt leichte 54 Gramm und liegt damit ziemlich im Durchschnitt. Zu klein soll es meist auch nicht sein, da es dann mit Handschuhen schwerer zu bedienen ist. Aber einen Backstein wollt ihr euch ebenfalls nicht an die Wange schnallen. Wettertauglich muss es selbstverständlich sein, daher gibt es einen IP67-Schutz.
Lieferumfang des Lexin MeshCom Motorrad-Headsets
Das Gerät an sich ist nur die halbe Miete. Dazu gibt es noch zwei Lautsprecher, die über ein Kabel verbunden sind, und zwei Mikrofone: eines für Integralhelme (komplett geschlossen) und eines für Jet-Helme, bei denen das Kinnstück fehlt oder abgenommen werden kann.
Damit ihr das Gerät als Laien richtig verkabelt, liegt eine sehr ausführliche, bebilderte und mehrsprachige Anleitung bei. Diverse Klebepads zum Fixieren der Komponenten im Helm sowie zwei verschiedene Halterungen, eine zum Kleben und eine zum Klemmen, gehören ebenfalls zum Sortiment. Dazu der passende Inbusschlüssel und zu guter Letzt ein USB-C-auf-USB-C-Kabel zum Laden. Lexin bietet das MeshCom Motorrad-Headset wie viele Anbieter auch als Doppelpack an. In der Regel spart ihr euch dadurch ein paar Euro in der Anschaffung.
Einbau des Lexin MeshComs
Der Einbau läuft bei nahezu allen Intercoms gleich ab. Abweichungen gibt es lediglich, wenn der Helm bereits mit vorinstallierten Lautsprechern kommt oder ein proprietäres System des Herstellers verwendet werden muss.
Die meisten modernen Helme besitzen heutzutage Aussparungen für das Nachrüsten eines Intercoms. In diese Aussparungen werden die Lautsprecher geklebt. Lexin setzt dafür auf einen Klebestreifen mit festem Klettverschluss. Die Kopfhörer haben das Klett-Gegenstück und werden so in den Sockeln fixiert. Später lassen sie sich dadurch auch leicht entnehmen, falls ihr den Helm wechselt. Das Gleiche gilt für die Mikrofone.
Ein längeres und ein kürzeres Kabel an den Lautsprechern zeigen an, auf welche Seite diese jeweils gehören. Beim Lexin MeshCom laufen am Ende beide Kopfhörerseiten und ein Mikrofonanschluss in das USB-C-Kabel zusammen. Schön einfach gehalten also. Da ihr zwischen zwei Mikrofonen wählen könnt, gibt es hier einen kleinen, 3-poligen Stecker als Verbindungsstück.
Alle Kabel fallen bei Lexin lang genug aus, um auch die größte Ballonbirne bedienen zu können. Das Schwierigste ist es, das USB-C-Kabel sauber aus dem Helm zu führen. Bei manchen Helmen ist es notwendig, ein Loch durch die Dichtung zu bohren. Bei den meisten lässt sich aber ein Spalt zwischen Gummi und Helm nutzen, oder es gibt eine dafür vorgesehene Stelle. Ist das geschafft, bleibt noch das Intercom selbst.
Lexin legt zwei Varianten bei: eine kleine Klemme mit 25 x 25 Millimetern, die einfach an die Helmaußenseite geklebt wird, oder eine deutlich größere Halterung, die am Helm über eine Spannvorrichtung eingeklemmt wird. Ich habe mich für die Klemme entschieden.
Die Vorteile der Klemme: Das Intercom lässt sich sehr leicht einsetzen und entnehmen, das Anbringen ist schnell und narrensicher, und die Klemme selbst wiegt fast nichts. Der Kleber hält nach dem Aushärten bombenfest. Allerdings kann es je nach Helmkrümmung schwierig sein, das Intercom blind in seine Halterung zu schieben, da diese sehr nah am Helm anliegt. Auch kann es passieren, dass so Kratzer in den Helm kommen. Stöße von unten können dafür sorgen, dass das Intercom aus seiner Halterung flutscht. Beim Fahren passiert das normalerweise nicht, beim Herumtragen schon eher. Andere Hersteller lösen das Problem einfach mit einem kleinen Bajonettverschluss. Simpel, aber höchst effektiv.
Die Spannvorrichtung ist etwas fummeliger in der Anbringung, braucht mehr Platz, ist schwerer und benötigt einen Inbusschlüssel zum Festziehen, leidet dafür aber nicht an zu steilen Winkeln oder dem leichtgängigen Lösen durch Stöße, da das Lexin MeshCom hier fest in einer Art Sockel sitzt. Blind einsetzen oder lösen geht aber auch dort nicht.
Egal für welche Halterung ihr euch am Ende entscheidet: Insgesamt fällt der Einbau nicht besonders schwer aus. Kein Vergleich zum Kabelchaos älterer Modelle.
Funktionen
Wartungsarm ist das Schlagwort beim Lexin MeshCom. Es gibt keine App, keine Firmware-Updates und ihr müsst euch sonst um nichts kümmern, außer gelegentlich den Akku zu laden.
Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Es gibt keine Fehlerbehebungen, keine neuen Funktionen und keine Anpassungen an der Bedienung. Und dazu gleich mal vorweg: Es gibt eine sehr nervige Funktion, bei der das Gerät im Stand-by immer abgeschaltet wird, wenn ihr lauter oder leiser drückt. Warum das nervig ist? Weil alle Tasten mehrfach belegt sind und ihr beim Ausprobieren so ständig das Gerät ausschaltet.
Ansonsten gibt es in der Bedienung keine Fallstricke. Hoch und runter am Bedienfeld sind klassisch lauter und leiser oder nächster und vorheriger Titel. Hinten ist der Power/Pause/Play-Button und vorn lässt sich auf Mesh-Betrieb umschalten.
Bleiben wir gleich beim Mesh. Dieses arbeitet effektiv wie im namensgleichen WLAN-Mesh: Es verbindet Fahrer automatisch untereinander, ohne dass dafür eine Eingabe erfolgen muss. Das Lexin MeshCom erlaubt bis zu 24 Verbindungen in 10 Kanälen, also theoretisch 240 Fahrer. In der Praxis wird man nicht ständig durch die Kanäle wechseln. Andere Hersteller bieten hier teilweise mehr Verbindungen, Sena etwa hat im aktuellen Top-Modell keine Mengenbegrenzung. Aber realistisch betrachtet: Wann fährt ihr schon einmal in so großen Gruppen durch die Gegend und wollt dann die ganzen Mitfahrer in ihre Mikrofone schnaufen hören? Es gibt sicher Anwendungsfälle, die sind aber die Ausnahme, somit reichen 24 Biker-Kollegen allemal.
Egal ob mit Bluetooth oder dem Mesh: Lexin hat keine Abhängigkeiten und lässt sich auch mit Geräten aller anderen Hersteller koppeln. Besitzt ein Gerät eines anderen Herstellers ebenfalls die Mesh-Funktion, funktioniert die Verbindung also trotzdem automatisch.
Über Bluetooth könnt ihr jedoch auch direkte Zwiegespräche aufbauen. Gleichzeitig dient die Bluetooth-Schnittstelle für die Kommunikation zu anderen Geräten wie Smartphone oder Navi. Dabei kann das Intercom zwei Audioquellen gleichzeitig in folgenden Kombinationen bedienen:
- Intercom und GPS
- Intercom und Musik
- Musik und GPS
Was nicht geht: die Verbindung zum Navi (GPS) und Smartphone gleichzeitig aufzubauen und trotzdem noch das Intercom zu nutzen. Wer sein Smartphone zum Navigieren nutzt, schlägt allerdings zwei Fliegen mit einer Klappe. Da dann nur eine Audioverbindung aufgebaut wird, hört ihr die Navi-Ansagen, könnt Musik hören und trotzdem übers Intercom labern.
Für jede Audioquelle lässt sich die Lautstärke separat regeln. Die Musik kann also leicht im Hintergrund säuseln, während euer Fahrbuddy euch schön laut die Story vom Pferd erzählt. Sprachbefehle sind ebenfalls möglich, haben in meinem Test aber nur für den Assistenten auf dem Smartphone funktioniert. Das Lexin MeshCom ließ sich damit nicht direkt steuern.
Ganz toll ist die Möglichkeit, Musik oder auch Navi-Ansagen an andere Fahrer weiterzuleiten. Fürs Navi ist das noch relevant, eventuell hat euer Kollege ja keins. Bei der Musik dürften sich die Anwendungsfälle aber auf einstellige reale Bedingungen zusammenstreichen. Zu guter Letzt kann das Lexin MeshCom auch Radiosender empfangen. Die Kanäle werden über die Lauter- und Leisertaste durchgeschaltet.
Audioqualität
Audioqualität für musikalische Untermalung steht bei Intercoms nicht an erster Stelle. Die zwei 40mm Speaker sind definitiv auf hervorgehobene Mitten abgestimmt, damit ihr euren Gesprächspartner so gut wie möglich versteht. Bässe und Tiefen gibt es praktisch gar nicht, denn die Lautsprecher haben keinen Schallkörper, um Druck zu erzeugen. Das ist bei den meisten Konkurrenten ebenso der Fall. Die Speaker müssen auch möglichst flach ausfallen. Dennoch kann man davon ausgehen, dass sich die höherpreisigen Konkurrenten etwas besser im Musikpart schlagen.
Angeblich sorgt ein Algorithmus für eine Geräuschunterdrückung, davon habe ich bei den Lautsprechern aber nichts gemerkt. Trotzdem ist die maximal mögliche Lautstärke beachtlich. Selbst bei über 100km/h konnte ich meinen Gesprächspartner noch gut hören, gleichzeitig bestehen jede Menge Reserven nach oben. Tatsächlich gibt es leider einen recht groben Lautstärkesprung bei ca. 50%, der oft dafür sorgt, dass besonders Musik vorher zu leise, danach aber zu laut aufspielt. Eine automatische Anpassung der Lautstärke, je nach erkannter Geschwindigkeit oder Umgebungsgeräuschpegel, ist nicht integriert.
Sprachqualität
Die Qualität der Sprachübertragung ist via Mesh und via Bluetooth einwandfrei. Bei Mesh habt ihr zusätzlich eine hohe Reichweite von bis zu 2 Kilometern. Diese wird aber nur auf freier Fläche, ohne Hindernisse, erreicht. Außerdem lässt sich die Reichweite erst durch mehrere Fahrer auf diese Zahl bringen, da so das Signal zwischen den Intercoms verstärkt und weitergeleitet wird.
Zwischen lediglich zwei Fahrern sind dennoch 400 bis 600 Meter möglich, ein paar Autos dazwischen machen in der Regel keinen Unterschied. Höhere Elemente wie dicht stehende Bäume oder Gebäude reduzieren die Reichweite manchmal stark. Bevor das Signal abbricht, hört man, dass sich Aussetzer einschleichen. Ebenso zuverlässig wird das Signal aber auch bei Annäherung wieder aufgenommen. Eine Latenz ist quasi nicht spürbar.
Die Mikros sind mit einem Popschutz überzogen, der Windgeräusche effektiv abhält. Beim Integral-Mikro funktioniert das bauartbedingt besser als beim frei liegenden Jet-Mikro. Die Aufnahmen sind überwiegend frei von Störgeräuschen, hier arbeitet die Geräuschunterdrückung also deutlich besser.
Akkuleistung
Lexin verbaut einen 1.150mAh Akku. Kenner unserer Kopfhörertests wissen: Das ist eine ganze Menge. Kommen doch herkömmliche In-Ears mit 45 bis 65mAh bereits mehrere Stunden aus. Wer das Lexin MeshCom überwiegend zum Musikhören verwendet, hat tendenziell wochenlang Ruhe. Durch die bereits hohe Grundlautstärke müsst ihr selten deutlich über 50% Lautstärke gehen, was wiederum der Laufzeit zugutekommt.
Deutlich schneller entlädt sich das Gerät bei der Kommunikation über das Mesh. Wenn einer der verbundenen Fahrer sein Mikrofon nicht richtig platziert hat und es deswegen dauerhaft sendet, reicht der Akku im besten Fall 10 Stunden, was aber immer noch genug für die meisten Touren sein dürfte. Im Standard spricht Lexin von bis zu 20 Stunden Kommunikation, was ich für realistisch halte. Das Lexin MeshCom informiert euch übrigens, wenn der Akkustand bestimmte Schwellwerte unterschreitet. Der erste liegt bei 80%, der zweite bei 50%, danach bei 20%. Zum Schluss kommt dann in regelmäßigen Abständen von 20 Minuten eine Aufforderung, das Gerät zu laden. Es hält an diesem Punkt jedoch immer noch mehrere Stunden durch.
Geladen wird das Gerät letztlich über USB-C an einem herkömmlichen Ladegerät, etwa dem von eurem Handy. In der Regel reichen 5V/2A. Für eine vollständige Ladung braucht ihr etwas über zwei Stunden.
Testergebnis
Mit rund 100€ ist das Lexin MeshCom nicht supergünstig. Es gibt selbst von Lexin Headsets, die bei rund 65€ losgehen, dann aber auf die Mesh-Funktion verzichten. Im Vergleich mit bekannten Größen sind die aufgerufenen 100€ inklusive der Mesh-Funktionalität jedoch ein Schnäppchen und in jedem Fall einen Blick wert.
Funktional ist so gut wie alles vorhanden, was teurere Modelle ebenfalls leisten. Größte Ausnahme dürfte die App-Anbindung sein. Aber offen gestanden ist es auch mal ganz nett, nicht im Hinterkopf zu behalten, das Gerät regelmäßig zu aktualisieren. Fire and forget quasi.
Die Audioqualität bei Musik könnte besser sein. Da hier aber nicht der Fokus draufliegt und ihr dennoch ganz ordentlich Musik hören könnt, sei dieser Punkt mal hintangestellt. Es fehlen vor allem die Bässe und Tiefen, der Rest geht in Ordnung.
Im Doppelpack spart ihr zudem bei regelmäßigen Angeboten deutlich. Dadurch kann der Preis pro Gerät schon mal auf 80€ sinken, womit es nur noch attraktiver wird, wenn ihr Bedarf für einen Sozius oder mehrere Helme habt. In diesem Preisgefüge sticht es selbst günstigere Geräte aus dem eigenen Haus aus und macht sie obsolet, etwa das Lexin B4FM.
Wie sieht es aus, interessieren euch Tests zu Intercoms oder findet ihr die Thematik uninteressant? Hinterlasst uns gerne einen Kommentar.
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