Tineco verkauft die Floor-One-S9-Reihe in Deutschland inzwischen in sieben Varianten, und genau zwei davon arbeiten mit Dampf. Der Floor One S9 Artist Boost Steam ist die neuere der beiden. Er heizt auf 230 Grad, gibt den Dampf aber nur in kurzen Stößen ab, während sich die Bürstenwalze rückwärts dreht und den Fleck schrubbt.
Ein Nachfolger des Floor One S9 Artist Steam Pro (zum Test) ist er trotz des ähnlichen Namens nicht. Der Steam Pro dampft durchgehend, bis ihr die Funktion wieder abschaltet. Das kann der Boost Steam nicht. Dafür bringt er mit 25.000 Pascal mehr Saugkraft und den kräftigeren Motor, und mit einer UVP von 699€ liegt er 150€ unter dem Steam Pro. Im Handel liegen beide derzeit näher beieinander. Tineco schreibt diesen Unterschied ungewöhnlich offen in den eigenen Modellvergleich.
Wir haben ihn drei Wochen im Haushalt eingesetzt, zweimal pro Woche über rund 40 Quadratmeter Fliesen und Laminat. Die interessanteste Frage dabei: Was bringt ein Dampfstoß, der nach 15 Sekunden von selbst wieder aufhört?
| S9 Artist Boost Steam | S9 Artist Steam Pro | S9 Master | Station S9 Artist | S9 Scientist | S9 Artist Turbo | S9 Artist | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| UVP | 699€ | 849€ | 699€ | 899€ | 799€ | 749€ | 599€ |
| Dampf | ja, in Stößen | ja, durchgehend | nein | nein | nein | nein | nein |
| Laufzeit | bis 60 Minuten | bis 90 Minuten | bis 65 Minuten | bis 90 Minuten | bis 80 Minuten | bis 90 Minuten | bis 50 Minuten |
| Das Besondere | 230 Grad Dampfstoß mit rückwärts drehender Walze | 160 Grad Dauerdampf | durchgehend erhitztes Wasser, 9,9 Zentimeter flach | Station mit 5 Liter Wasserreserve, füllt selbst nach | Hochdruck-Wasserstrahl und Abzieher gegen Streifen | 1 Liter Frischwasser, Schnellladung | Einstieg in die Reihe |
Vom Steam Pro unterscheidet den Boost Steam vor allem die Art, wie er den Dampf einsetzt: Der Steam Pro heizt auf 160 Grad und dampft durchgehend, der Boost Steam heizt auf 230 Grad und gibt den Dampf nur für ca. 20 Sekunden ab, dafür zusammen mit der rückwärts drehenden Walze. Der Boost Steam saugt außerdem stärker und kostet weniger, während der Steam Pro den größeren Akku und damit die längere Laufzeit hat. Überbewerten solltet ihr die Dampf-Funktion ohnehin nicht.
Versionen und Lieferumfang
Den Boost Steam gibt es in zwei Ausführungen, die sich technisch nicht unterscheiden. Die helle, lilafarbene Version ist bei Amazon und im Tineco-Shop erhältlich und bringt eine Ersatzwalze und einen Ersatzfilter mit. Die silberbraune Version trägt den Zusatz „Premium“, steht bei Otto, MediaMarkt und im stationären Handel und hat je zwei davon im Karton.
Dazu kommen das Hauptgerät, die Lade- und Trocknungsstation, ein zweiseitiges Reinigungswerkzeug und die Anleitung. Reinigungsmittel liefert Tineco in keiner der beiden Versionen mit. Ihr könnt jedes nicht schäumende Bodenreinigungsmittel aus dem Supermarkt nehmen (das von DM ist gut), im Dampfbetrieb aber nicht: Dann gehört klares Wasser in den Tank oder Tinecos eigene Reinigungslösung, die laut Tineco seit einer überarbeiteten Rezeptur auch für den Dampf freigegeben ist.
Design und Verarbeitung
Mit 110,2 Zentimetern Höhe und 6,1 Kilogramm ohne Wasser ist der Boost Steam kein Leichtgewicht. Das merkt ihr, wenn ihr ihn ins nächste Stockwerk tragt. Beim Schieben spürt ihr davon nichts, weil das Gewicht unten sitzt und beide Räder motorisch angetrieben werden. Feinfühlig schieben die Räder vor oder zurück. Die Verarbeitung ist auf dem Niveau, das wir von Tineco in dieser Preisklasse erwarten, es klappert und knarzt nichts. Praktisch ist die Aufstellhilfe. Beim Aufrichten, also beim Betätigen des Powerbuttons, schiebt der Antrieb kurz mit, bis das Gerät im Einrastmechanismus sitzt.
Display und Sprachausgabe
Das Display oben am Griff ist schlicht gehalten und zeigt Modus, Akkustand in Prozent und Warnungen zu Tanks und Walze. Mehr braucht es an dieser Stelle nicht, und uns ist ein einfaches Display lieber als ein großes Farbdisplay, das im Preis mit drinsteckt. Die Sprachausgabe gibt gut verständliches Deutsch aus, ist ab Werk aber sehr laut eingestellt. Eine Stufe leiser reicht völlig.
Wassertanks und Schmutzsieb
Der Frischwassertank fasst 0,88 Liter, sitzt unten im Fuß und wird seitlich befüllt statt von oben. Andere Tests stören sich daran, wir sehen es umgekehrt. Der Behälter misst 27 Zentimeter in der Breite, ihr braucht also rund 30 Zentimeter freie Höhe unter dem Wasserhahn. Wer die hat, füllt bequemer als bei Geräten mit Einfüllstutzen oben: Es schwappt nichts über, und ihr seht wie bei einer Flasche, wie voll der Tank wird. Die Einfüllöffnung ist sogar etwas größer als ein üblicher Perlator, ihr könnt den Wasserhahn also in den Behälter hineinführen und daneben geht überhaupt nichts. In einem kleinen Gäste-WC mit knappem Becken wird es dagegen eng.
Der Schmutzwassertank mit 0,8 Litern steckt hinten und lässt sich mit einem Griff abziehen. Darin sitzt ein Sieb für den groben Dreck, das jetzt waagerecht und senkrecht verläuft und nicht mehr nur senkrecht wie beim Steam Pro. Dicht ist es deswegen nicht. Kleinere Essensreste rutschen weiterhin daran vorbei und landen unten im Schmutzwasser. Beim Steam Pro haben wir das noch als Kritikpunkt gewertet, diesmal fällt das Urteil milder aus: Den Tank spülen wir ohnehin zwei- bis dreimal aus, und das geht schneller, als jedes Nudelstück einzeln aus dem Sieb zu pulen. Wer den Tank direkt nach dem Wischen leert, merkt davon nichts.
Insgesamt ist der Boost Steam sauber verarbeitet, und bis auf das Sieb sind die kleinen Ärgernisse der Vorgänger abgestellt.
Reinigungsleistung im Alltag
Bei uns läuft fast immer der Auto-Modus. Ein Sensor misst, wie viel Schmutz hinten ankommt, und regelt Saugkraft und Wassermenge nach. Ein schicker farbiger LED-Streifen zeigt die Leistung an.
Der Tineco S9 Boost Steam holt praktisch alles vom Boden. Die Obergrenze lag bei uns bei einer Portion Spaghetti Bolognese. Auch die verschwindet in einem Durchgang. Dass der Schmutzwassertank danach kein schöner Anblick ist, ist der Preis dafür.
Der eigentliche Vorteil dieser Geräteklasse ist nicht die Reinigungsleistung, sondern der Wasserfilm, der zurückbleibt. Der ist beim Boost Steam so dünn, dass der Boden nach wenigen Minuten trocken ist. Ihr könnt kurz aus der Küche raus und wieder rein, ohne neue Fußspuren zu hinterlassen. Unser Roborock F25 Ace (zum Test) hat an dieser Stelle deutlich mehr Wasser liegen lassen.
Für verschüttete Flüssigkeiten gibt es einen reinen Saugmodus, der kein frisches Wasser mehr auf die Walze gibt. Auf Laminat haben wir ihn kaum gebraucht, für eine umgekippte Saftflasche ist er aber genau richtig: erst absaugen, dann einmal im Auto-Modus drüber.
- Ketchup
- oder Sauft sind kein Problem
Mit einer Tankfüllung kommen wir eineinhalb- bis zweimal durch die komplette Wohnung, also über die rund 40 Quadratmeter Hartboden hinaus. Für einen Wischsauger ist das sparsam. Teppich bleibt außen vor, darauf gehört ein Nasssauger generell nicht.

An den Rändern kommt die Walze seitlich fast bis an die Wand, da bleibt so gut wie nichts stehen. Frontal sind es dagegen rund 2 Zentimeter. Wände fahrt ihr deshalb besser seitlich ab, statt frontal anzustoßen. Tineco wirbt mit dreiseitiger Kantenreinigung, und zwei der drei Seiten halten das auch.
Wischen mit Dampf
- schade, dass man den Dampf schlecht fotografieren kann
Der Dampf läuft über eine eigene Taste oberhalb des Bedienfelds. Nach dem Druck dauert es rund 20 Sekunden bis zum ersten Stoß, jeder weitere ist nach etwa 5 Sekunden da. Dann tritt vorne sichtbar Dampf aus, die Walze wird fest auf den Boden gedrückt und dreht rückwärts. Nach etwa 15 Sekunden ist der Zyklus vorbei und ihr müsst neu drücken. Eine Dampffunktion zum Durchlaufenlassen ist das nicht.
Zu den 230 Grad gehört eine Einordnung, die Tineco selbst mitliefert: Das ist die Temperatur am Heizelement im Gerät. Am Austritt gibt der Hersteller 99 Grad an, und bis der Dampf unten an der Düse ankommt, wird es noch einmal weniger.
Tineco rät vom Dampf auf Laminat und Holzböden ab, weil Feuchtigkeit in die Fugen ziehen und die Trägerschicht aufquellen lassen kann. Wir haben unser Laminat trotzdem mit Dampf bearbeitet, und es ist nichts passiert. Verlassen solltet ihr euch darauf nicht, denn im Zweifel gilt, was der Bodenhersteller zur Dampfreinigung sagt.
Fett, Fugen und eingetrocknete Reste
Für den Fett-Test haben wir Öl auf die Fliesen gekippt. Beide Modi nehmen es auf, der Auto-Modus genauso wie der Dampf. Übrig bleibt in beiden Fällen ein fettiger Film, mit Dampf allerdings ein deutlich dünnerer. Ganz weg bekommt ihr ihn erst mit etwas Fettlösendem: Wir haben den Boden vorher mit Spülmittel eingesprüht, danach war der Film verschwunden. In den Wassertank gehört das Spülmittel dabei nicht, sonst ist der Dampf tabu.
- Öl ohne Dampf
- Öl mit Dampf – zurück bleibt nur ein Fettfilm
Wo der Dampf wirklich etwas reißt, sind eingetrocknete Fettspritzer rund um den Herd. Heißes Fett, das beim Braten danebengeht, brennt regelrecht fest, und genau dort hilft die Kombination aus Hitze und Rückwärts-Walze am meisten. Wir haben den Sauger sogar auf das Kochfeld gehoben und die Platte einmal abgedampft, und das funktioniert.
Womit wir bei einer Marktlücke wären: Einen kompakten Nasssauger für die Küchenarbeitsplatte hat bisher niemand gebaut. Wir hätten Bedarf.
Stark ist die Kombination außerdem in Fliesenfugen. Wenn ihr quer gegen die Fuge schrubbt, kommt die Walze wirklich hinein und holt den Schmutz heraus. Unser Roborock F25 Ace hat das nicht geschafft. Eingetrocknete Essensreste, Honig oder Zahnpasta sind ebenfalls Fälle für diesen Knopf.
Für losen Schmutz lasst ihr die Taste dagegen besser unberührt. Die rückwärts drehende Walze schiebt leichte Partikel eher nach vorne weg, statt sie aufzunehmen. Der Knopf ist für die festgetrocknete Problemstelle gedacht, nicht für die Fläche.
Kalk und Kettenwachs
Kalkflecken bleiben liegen. Das ist wenig überraschend, Kalk braucht Säure und keine Hitze, gehofft hatten wir es trotzdem. Der zweite Fall ist spezieller: Bei uns landet regelmäßig Kettenwachs von gewachsten Fahrradketten auf dem Boden, festgetreten und hart. Auch mit 230 Grad und rückwärts drehender Walze geht das nicht ab. Wir schaben es weiterhin mit einem Spachtel an und saugen die Reste anschließend mit dem Tineco auf.
Reinigungsmittel oder Dampf
Reinigungsmittel dürft ihr in den Frischwassertank geben. Habt ihr ein fremdes Mittel eingefüllt, aktiviert ihr den Dampf nicht mehr. Ihr entscheidet euch also vor dem Wischen: entweder Reinigungsmittel auf der ganzen Fläche oder Dampf für die schwierigen Stellen. Tinecos eigene Reinigungslösung darf laut Hersteller inzwischen auch mit Dampf in den Tank, ausprobiert haben wir das nicht.
Eine automatische Dosierung, die das Mittel selbst zumischt, hat der Boost Steam nicht. Wir vermissen sie nicht. Unser Roborock F25 Ace hatte genau so einen Reinigungsmitteltank, und der hat das Gerät am Ende umgebracht: Er zog den eigenen Schaum in den Motor. Die Tineco-Geräte, die hier bisher gelaufen sind, halten. Von Hand dosieren ist eine Handbewegung mehr und eine Fehlerquelle weniger.
Insgesamt ist der Dampf ein Leistungs-Boost für die Problemstelle, den ihr im Alltag aber selten braucht. Bei eingetrockneten und fettigen Flecken merkt ihr den Unterschied deutlich, und rund um den Herd macht es schlicht Spaß, den Knopf zu drücken. Den Rest der Wohnung putzt der Boost Steam im Auto-Modus genauso sauber.
Reinigung in der Ladestation
Die Selbstreinigung startet nicht von allein, sondern erst auf Knopfdruck. Das klingt nach einem fehlenden Komfort-Feature, ist im Alltag aber angenehmer: Wenn um zehn Uhr abends noch etwas danebengeht, bleibt das Gerät bis zum nächsten Morgen dreckig stehen.
Leise ist der Vorgang nämlich nicht. Fünf Minuten lang spült die Station die Walze mit heißem Wasser und trocknet sie anschließend noch einmal fünf Minuten mit Heißluft. In der Spitze messen wir dabei 76 Dezibel, also mehr als das Gerät selbst auf seiner höchsten Saugstufe erreicht und ungefähr so viel wie ein Haartrockner. Bei geschlossener Badezimmertür hört ihr das immer noch. Für die Trocknung gibt es zwei Modi, einen schnellen (5 Minuten) und einen leisen (40 Minuten), für den Tineco unter 40 Dezibel angibt. Ob damit auch das Spülen davor leiser wird, haben wir nicht nachgemessen. Für die Abendstunden taugt der schnelle Modus nicht.
Was die Station nicht übernimmt, ist der Schmutzwassertank. Den zieht ihr hinten ab, nehmt den Filtereinsatz heraus, klopft den groben Dreck über dem Restmüll aus, kippt das Wasser weg und spült zwei- bis dreimal nach. Das dauert eine Minute.
- Haferflocken sind schnell eingesaugt
- das kann man wegspülen (gehört aber eigentlich in den Restmüll)
- nicht alles landet im Sieb
Akku, Modi und App
Verbaut ist ein 3.900mAh-Akku mit 25,2 Volt, also knapp 100 Wattstunden. Tineco gibt bis zu 60 Minuten im leisen Modus an und bis zu 45 Minuten im Auto-Modus. In der Praxis sind es im Auto-Modus gut 40 Minuten und im Max-Modus unter 27 Minuten. Für ein Haus mit viel Hartboden plant ihr damit besser eine Pause ein. Meine kleine Wohnung reinige ich damit in einem Durchgang. Das vollständige Laden dauert dreieinhalb Stunden.
Den Max-Modus solltet ihr sparsam einsetzen, und das schreibt Tineco selbst in die App: Dauerbetrieb auf der höchsten Stufe geht auf die Lebensdauer von Walze und Filter. Neben Auto und Max gibt es den reinen Saugmodus und einen leisen Modus für den späten Abend.
- Tineco App:
- Übersicht
- Anpassung der einzelnen Modi
- z.B. Saugstärke im MAX Modus
- Sprachausgabe
- Einstellungen für den Betrieb
- Betriebszeiten und Verbrauchsmaterialien
Die App braucht ihr genau einmal, nämlich zur Einrichtung. Danach ändert ihr darüber die Lautstärke der Sprachausgabe, schaltet das Bodenlicht ab oder stellt die Stärke des Radantriebs ein, getrennt für aufrechtes und flach gelegtes Arbeiten. Wer das Gerät nur benutzen will, kommt ohne sie aus.
Testergebnis
Der Tineco Floor One S9 Artist Boost Steam erledigt seine Hauptaufgabe ohne Schwächen. Er holt alles vom Hartboden, bis hin zur Portion Spaghetti Bolognese, und hinterlässt dabei so wenig Wasser, dass der Boden nach wenigen Minuten wieder begehbar ist. Mit einer Tankfüllung kommen wir eineinhalb- bis zweimal durch die Wohnung.
Auf der Negativseite steht ausgerechnet die Funktion, die dem Gerät den Namen gibt. Der Dampfstoß hilft bei eingetrocknetem Fett, in Fugen und bei Essensresten, er läuft aber nur wenige Sekunden am Stück, und vieles bekommt er nicht weg. Habt ihr fremdes Reinigungsmittel im Tank, dürft ihr ihn gar nicht erst aktivieren. Und das Sieb im Schmutzwassertank hält kleinere Reste weiterhin nicht zurück. Das sind keine Deal-Breaker, aber wer Dampf als feste Reinigungsart will, ist beim Floor One S9 Artist Steam Pro mit seinem Dauerdampf besser aufgehoben.
Für rund 700€ bekommt ihr einen der besseren Akku-Wischsauger, der unter dem Steam Pro liegt und dabei mehr Saugkraft mitbringt. Die Klasse lohnt sich weiterhin nur, wenn täglich etwas auf dem Boden landet, also bei kleinen Kindern, Haustieren oder im kleinen Ladenlokal. Als Ergänzung zum Saugroboter ist so ein Nasssauger aber kaum zu schlagen, und genau so würden wir ihn einsetzen.
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