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Smart Glasses: L’Atitude 52°N BERLIN im Praxistest

Getestet von Holger Becker am
Vorteile
  • modernes und auffälliges Design
  • gute Verarbeitung des TR90-Rahmens
  • Korrektionsgläser beim Optiker problemlos möglich
  • gute Klangqualität der Open-Ear-Lautsprecher
  • robustes Ladeetui mit IP67-Schutz
Nachteile
  • Videofunktion mit Google Pixel nicht nutzbar
  • Bildqualität bei wenig Licht nur durchschnittlich
  • Touchpad reagiert auf unbeabsichtigte Berührungen
  • Kosten für Korrektionsgläser
  • Übersetzungen erfolgen mit merklicher Verzögerung
  • datenschutzrechtliche Aspekte beachten
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Wer unterwegs einen kurzen Moment festhalten möchte, greift normalerweise zum Smartphone. Bis ihr es aus der Tasche gezogen und die Kamera geöffnet habt, kann die Gelegenheit schon vorbei sein. Eine Kamera in der Brille macht das einfacher: Die Hände bleiben frei, und aufgenommen wird ungefähr aus der eigenen Blickrichtung. Dazu kommen bei der L’Atitude 52°N Berlin Lautsprecher, Mikrofone und ein Sprachassistent.

L'Atitude 52°N Berlin

Foto: L’Atitude 52°

Die Berlin gehört zur „Departure Collection” von L’Atitude 52°N. Die Marke wurde 2025 mit dem IFA Next Innovation Award ausgezeichnet.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Die Brille verbindet eine auffällige Fassung mit einer 12-Megapixel-Kamera und verschiedenen Funktionen für Alltag und Reisen. Auf dem Papier ist einiges geboten: Fotos, Videos, Musik, Telefonate, Übersetzung und ein KI-Reiseführer. Im Alltag zeigt sich allerdings, dass eine lange Funktionsliste noch keine rundum gelungenen Smart Glasses ausmacht.

Mein Eindruck fällt entsprechend gemischt aus. Die Brille ist praktisch und modisch, wobei Letzteres natürlich Geschmackssache bleibt. Bei der Bildqualität unter schwierigen Lichtbedingungen und der Zusammenarbeit mit Google-Pixel-Smartphones gibt es dagegen Einschränkungen. Auch der Sitz auf der Nase und die Kosten für andere Gläser verdienen einen genaueren Blick.

Lieferumfang und erster Eindruck

Die Herstellerunterlagen führen neben der Brille ein Ladeetui, eine Startanleitung sowie Sicherheits- und Garantieunterlagen auf.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Foto: L’Atitude 52°

Das Etui fällt schon optisch auf. Eine dunkle Unterschale trifft auf einen transparenten, dunkel getönten Deckel mit ausgeprägten Rippen. Eine orangefarbene Verschlussleiste setzt einen deutlichen Farbakzent. Das Ganze sieht eher nach einer kleinen Transportbox als nach einem klassischen Brillenetui aus.

Das Etui übernimmt zwei Aufgaben: Es bewahrt die Brille auf und lädt ihren Akku nach. Einen zusätzlichen Speicher für Fotos oder Videos enthält es nicht, die Aufnahmen landen im internen Speicher der Brille. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn beim Etui handelt es sich um einen Energiespeicher, nicht um eine mobile Datensicherung.

Design, Verarbeitung und Tragekomfort

Bei der Berlin setzt L’Atitude 52°N auf eine markante Navigator-Fassung mit doppeltem Steg. Die Form ist kantig und auffällig. Mir gefällt der modische Ansatz, aber die Brille wird sicherlich nicht jedem stehen. Gerade bei einem Produkt, das mitten im Gesicht sitzt, lässt sich die Optik schlecht anhand eines Datenblatts bewerten.

Erhältlich ist das Modell in den Rahmenfarben „Obsidian” und „Dune”. Dazu kommen verschiedene getönte oder photochrome Gläser, wobei Letztere ihre Tönung an die Lichtverhältnisse anpassen. Die Kombination aus Rahmenfarbe und Gläsern verändert den Gesamteindruck deutlich: Eine schwarze Fassung mit orangefarbenen Gläsern wirkt anders als eine hellere Ausführung mit grauer Tönung. Lasst ihr die Originalgläser beim Optiker durch Gläser mit Sehstärke ersetzen, wird die werkseitige Glasvariante allerdings hinfällig. Tönung und photochrome Eigenschaften hängen dann von den neu eingesetzten Gläsern ab.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Foto: L’Atitude 52°

Der Rahmen besteht aus TR90, einem leichten und flexiblen Kunststoff. Das Material gibt beim Aufsetzen etwas nach und eignet sich deshalb gut für Brillenfassungen. Wie bequem die Berlin tatsächlich sitzt, hängt aber vor allem von ihrer Passform ab.

Der Hersteller nennt ein Gewicht von ungefähr 50 Gramm mit den serienmäßigen Gläsern. Meine Berlin bringt mit den eingesetzten Gläsern in Sehstärke exakt 70 Gramm auf die Waage. Das tatsächliche Gewicht hängt also auch von der gewählten Verglasung ab. Den Herstellerwert könnt ihr bei einem Gläsertausch nicht unverändert auf eure Brille übertragen.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Edelstahl-Federscharniere sorgen dafür, dass die Bügel bei unterschiedlichen Kopfformen nachgeben. Laut Hersteller besitzt die Brille eine DLC-Beschichtung. Diese dünne Schutzschicht aus diamantähnlichem Kohlenstoff soll Reibung und Verschleiß reduzieren. Sie schützt die Scharniere, macht aber nicht die gesamte Brille kratzfest.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Als Haltbarkeitsprüfung nennt der Hersteller mehr als 20.000 Betätigungszyklen. Dabei handelt es sich um eine Angabe aus den Unterlagen, nicht um ein Ergebnis meines Langzeittests.

Im persönlichen Gebrauch ist mir vor allem die Passform aufgefallen: Auf meiner Nase sitzt die Berlin etwas rutschig. Das ist kein Urteil über jede Gesichtsform, sondern meine Erfahrung mit der Brille. Ein Optiker kann bei der Anpassung helfen. Gerade vor einem kostenpflichtigen Gläsertausch würde ich zunächst prüfen, ob sich ein sicherer und komfortabler Sitz erreichen lässt. Diese Anpassung ist meist kostenlos.

Bei einer Kamerabrille wirkt sich die Passform außerdem auf die Aufnahme aus. Verrutscht die Fassung, verändert sich auch die Ausrichtung der Kamera. Ein guter Sitz ist deshalb sowohl für den Komfort als auch für einen möglichst passenden Bildausschnitt relevant.

Andere Gläser vom Optiker

Wer eine Brille mit Sehstärke benötigt oder eine andere Tönung bevorzugt, kann die Gläser laut Hersteller beim Optiker austauschen lassen. L’Atitude 52°N beschreibt die Fassung ausdrücklich als dafür geeignet, und der von mir ausgewählte Optiker hat das bestätigt. Die passenden Korrekturgläser müsst ihr allerdings separat organisieren.

Ich habe dazu bei drei großen Optikerketten nachgefragt. Die Angebote lagen zwischen 30€ und 400€. Die Namen der Ketten lasse ich bewusst offen. Prüft am besten selbst vor Ort, welche Möglichkeiten angeboten werden und was die gewünschte Verglasung kostet.

Symbolbild Nachverglasung

Die große Spanne zeigt vor allem, dass sich Nachfragen lohnt. Sie bedeutet nicht automatisch, dass ihr überall dieselbe Leistung zu einem völlig anderen Preis bekommt. Glasart, Sehstärke, Beschichtung und Arbeitsumfang können sich unterscheiden. Lasst euch deshalb erklären, was genau im Angebot enthalten ist.

Bei einer Brille mit einem Einstiegspreis von 399€ kann ein aufwendiger Gläsertausch die Gesamtkosten erheblich erhöhen. Das gehört für mich zur Kaufentscheidung dazu. Benötigt ihr andere Gläser, solltet ihr den Gesamtpreis aus Brille, Verglasung und Anpassung vor dem Kauf klären.

Technische Daten und Bedienung

Die Technik steckt überwiegend in der Fassung und den Bügeln. Der Review Guide nennt den BES2800 als 6nm-Chipsatz. Er übernimmt unter anderem die Bildverarbeitung. Für Fotos und Videos stehen 32GB interner Speicher zur Verfügung.

Merkmal Herstellerangabe
Kamera Sony IMX681 mit 12MP
Bildwinkel 107°
Video 1080p, maximal 3min pro Clip
Prozessor BES2800, 6nm
Interner Speicher 32GB
Audio 2 Open-Ear-Lautsprecher
Mikrofone 5
Verbindung Wi-Fi 6 und Bluetooth 5.4
Akku 200mAh
Laufzeit bis zu 6h bei gemischter Nutzung
Schutzklasse Brille IP65
Schutzklasse Ladeetui IP67

Die Bedienung verteilt sich auf einen Auslöser und eine Touchfläche. Mit einem kurzen Druck auf den Auslöser nehmt ihr ein Foto auf. Haltet ihr ihn zwei Sekunden gedrückt, startet eine Videoaufnahme. Zum Ein- und Ausschalten haltet ihr dieselbe Taste fünf Sekunden lang gedrückt.

Lieferumfang L'Atitude 52° Berlin

Foto: L’Atitude 52°

Über das Touchpad steuert ihr unter anderem die Musikwiedergabe. Einmal tippen steht für Wiedergabe oder Pause, zweimal für den nächsten und dreimal für den vorherigen Titel. Per Wischgeste verändert ihr die Lautstärke. Bei Telefonaten nehmt ihr mit einmaligem Tippen an, mit zweimaligem Tippen legt ihr auf oder weist den Anruf ab. Im Alltag kam es bei mir allerdings mehrfach zu unbeabsichtigten Eingaben: Beim Zurechtrücken sowie beim Auf- und Absetzen der Brille habe ich versehentlich das Touchpad berührt und dadurch die Musikwiedergabe gestartet.

Zusätzlich lässt sich der Sprachassistent mit „Hey Goya” ansprechen. Im Test funktionierten Sprachbefehle zum Fotografieren, zur Musiksteuerung und zur Abfrage des Akkustands. Während einer Videoaufnahme steht der KI-Chat nicht zur Verfügung. Per Sprachbefehl lässt sich die Aufnahme aber stoppen.

Kamera im Alltag

Fotos aus der eigenen Perspektive aufzunehmen, ist für mich der naheliegendste Nutzen dieser Brille. Die Kamera ist bereits dort, wo ihr hinschaut. Ihr müsst kein Smartphone aus der Tasche holen und vor euch halten. Das macht die Berlin im Alltag praktisch. Ganz unmittelbar gelingt die Aufnahme allerdings nicht: In meinen Tests musste ich nach dem Auslösen und dem hörbaren Klick noch ein bis zwei Sekunden in Richtung des Motivs schauen und den Kopf ruhig halten. Bewegte ich mich zu früh, waren die Bilder verwischt oder das gewünschte Motiv nicht mehr scharf. Das Klickgeräusch bedeutet also nicht, dass ihr euch schon wieder abwenden könnt.

Ganz identisch mit dem menschlichen Sehen ist die Aufnahme ebenfalls nicht. Die Kamera sitzt seitlich in der Fassung und hat einen festen Bildwinkel. Außerdem folgen die Augen einem Motiv auch dann, wenn sich der Kopf kaum bewegt. Die Brille nimmt dagegen entsprechend ihrer Ausrichtung auf. Es lohnt sich deshalb, die Ergebnisse zunächst in der Galerie zu kontrollieren und ein Gefühl für den Bildausschnitt und die Verzögerung beim Auslösen zu entwickeln.

Der Sony-Sensor bietet 12 Megapixel und einen Bildwinkel von 107°. Das passt grundsätzlich zu Aufnahmen, bei denen auch die Umgebung mit aufs Bild soll. Hoch- und Querformat wählt ihr in den Einstellungen aus. Die Herstellerunterlagen zeigen dafür eine entsprechende Auswahl in der App.

Bei der Bildqualität solltet ihr eure Erwartungen im Blick behalten. In Innenräumen und bei Lichtmangel ist die Qualität nach meiner Erfahrung eingeschränkt. Gerade hier solltet ihr euch von der Auflösung allein nicht zu viel versprechen. Zwölf Megapixel sagen wenig darüber aus, wie gut eine Kamera mit wenig Licht zurechtkommt.

L’Atitude 52°N wirbt mit HDR, Rauschreduzierung und einer eigenen Bildverarbeitung. Solche Verfahren können helfen, ersetzen aber keine guten Aufnahmebedingungen. Die weitreichenden Aussagen im Review Guide zu klaren und detailreichen Bildern selbst bei Nacht würde ich nach meinen Erfahrungen nicht pauschal übernehmen.

Eine nach außen sichtbare LED signalisiert laut Hersteller Foto- und Videoaufnahmen. Deckt ihr diese Anzeige ab, soll die Aufnahme stoppen.

App und Google-Pixel-Kompatibilität

Die Begleit-App heißt LAtitude 52. Sie dient zur Einrichtung, zur Verwaltung von Aufnahmen und zum Zugriff auf weitere Funktionen. Auch Geräteeinstellungen und Softwareupdates laufen darüber. Die Brille speichert Fotos und Videos zunächst intern und soll sie nach der Synchronisierung mit dem Smartphone automatisch löschen.

Die App ist inzwischen für Android und iOS verfügbar, getestet habe ich die Android-App. Die bloße Verfügbarkeit bedeutet allerdings noch nicht, dass alle Funktionen mit jedem Smartphone zuverlässig arbeiten. Mit dem Google Pixel 8, Pixel 9 und Pixel 11 konnte ich die Videofunktion nicht nutzen. Erst mit einem Oukitel-Smartphone, das noch in meinem Haushalt vorhanden war, gelangen Videoaufnahmen. Eine Lösung für das Pixel-Problem war mir bis zur IFA zugesichert worden. Zum Testzeitpunkt bestand der Fehler auf allen drei getesteten Pixel-Modellen jedoch weiterhin. Nach Rücksprache mit dem Entwickler soll eine Datenschutzeinstellung der Google-Pixel-Smartphones die Ursache sein. Diese Erklärung kann ich anhand meiner Tests jedoch nicht nachvollziehen. Vergleichbare Produkte liefern auf denselben Geräten problemlos Videoaufnahmen. Die L’Atitude 52°N zeichnet dagegen lediglich ein Streifenbild auf, während sie den Ton korrekt aufnimmt.

L'Atitude 52°N Berlin keine Videos mit Google Pixel

Das ist ein deutlicher Kritikpunkt, denn Video gehört zu den ausdrücklich beworbenen Kernfunktionen dieser Brille. Fällt diese Funktion mit dem eigenen Smartphone aus, hilft die grundsätzlich vorhandene Kameratechnik wenig. Eine angekündigte Fehlerbehebung ersetzt keine funktionierende Lösung.

Meine Erfahrung bezieht sich auf die im Test verwendete Kombination aus Brille, Smartphone und Software. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass sämtliche Pixel-Modelle mit jedem Softwarestand betroffen sind. Wollt ihr die Brille mit einem Google Pixel nutzen, würde ich die konkrete Kompatibilität trotzdem vor dem Kauf klären.

Ein Urteil über die praktische Videoqualität kann ich unter diesen Bedingungen nicht abgeben. Die angegebenen 1080p und die maximale Cliplänge von drei Minuten bleiben in diesem Test deshalb technische Angaben des Herstellers.

Audio, Übersetzung und Goya AI

Zwei Open-Ear-Lautsprecher ermöglichen Musikwiedergabe, Telefonate und Sprachausgaben. Sie sitzen in der Brille, ohne den Gehörgang zu verschließen. Fünf Mikrofone sollen die eigene Stimme aufnehmen und störende Umgebungsgeräusche bei der Verarbeitung reduzieren.

Klang und Verständlichkeit haben mich im Test positiv überrascht. Trotz der offenen Bauweise kam die Wiedergabe klar bei mir an. Selbst Personen, die unmittelbar neben mir standen, konnten nach eigener Rückmeldung nichts davon hören. Unter meinen Testbedingungen blieb die Ausgabe damit diskret.

Der auf Google Gemini basierende Assistent Goya AI bietet neben allgemeinen Sprachbefehlen eine Übersetzungsfunktion und einen KI-Reiseführer. Letzterer soll Kunstwerke und Sehenswürdigkeiten erkennen und Erläuterungen direkt über die Lautsprecher der Brille ausgeben. Den KI-Reiseführer habe ich allerdings nur eingeschränkt getestet. Wer vor einem Kunstgegenstand steht und laut Fragen stellt, erntet schnell verwunderte Blicke. Außenstehende hören die Antworten nicht und sehen jemanden, der sich scheinbar mit dem Kunstwerk unterhält. Das war für mich im Test eine gewisse Hemmschwelle.

Auch die Erkennung hat Grenzen. Laut Hersteller ist die Funktion auf bekannte Kunstwerke und Sehenswürdigkeiten optimiert. Von Tests mit Parks, Graffiti und moderner Installationskunst rät er ausdrücklich ab, weil dort womöglich nichts erkannt wird oder die Ergebnisse unzuverlässig ausfallen. Als universeller Reiseführer für alles, was euch vor die Kamera kommt, eignet sich die Funktion damit nicht. Wie zuverlässig und fachlich korrekt die Erläuterungen ausfallen, kann ich aufgrund meines begrenzten Tests nicht abschließend beurteilen.

L'Atitude 52° App

Bei der Übersetzung ist die Aufteilung sinnvoll: Die Brille übersetzt die Sprache des Gegenübers und gibt sie über die Lautsprecher wieder. Unterstützt werden laut Unterlagen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Eine Simultanübersetzung war im Test nicht möglich. Abhängig von der Internetverbindung des Smartphones dauerte es teils erheblich, bis die Übersetzung ausgegeben wurde. Im Gespräch müsst ihr deshalb entsprechende Pausen einplanen. Eine stabile Internetverbindung ist erforderlich.

Akku und Ladeetui

In der Brille steckt ein Akku mit 200mAh. Der Hersteller nennt bis zu sechs Stunden gemischte Nutzung. Diese Größenordnung kann ich aus der Praxis bestätigen: Nach etwa fünf Stunden Dauernutzung auf der IFA meldete sich die Brille per Sprachansage mit einem niedrigen Akkustand. Leer war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die tatsächliche Laufzeit hängt davon ab, wie intensiv ihr Musik, Kamera, Datenübertragung und KI-Funktionen nutzt.

Das Ladeetui bringt eine zusätzliche Energiereserve mit, die für acht bis zehn vollständige Ladungen reichen soll. Im Test habe ich lediglich drei Ladevorgänge benötigt und entsprechend auch nur diese geprüft. Wie viele vollständige Ladungen tatsächlich möglich sind, habe ich nicht nachgemessen.

Das Ladeetui allein bringt 269 Gramm auf die Waage. Zusammen mit meiner Brille inklusive Gläsern in Sehstärke sind es 338 Gramm. Unterwegs ist das Gesamtpaket damit ein spürbares Zusatzgewicht, das ihr ebenso wie den Platzbedarf berücksichtigen solltet.

Beim Schnellladen verspricht der Hersteller ungefähr 70 Prozent Akkuladung nach 20 Minuten. Das konnte ich im Test bestätigen. Eine kurze Nutzungspause reicht also aus, um die Brille im Ladeetui wieder deutlich aufzuladen. Dank des integrierten Etui-Akkus braucht ihr dafür unterwegs keine Steckdose.

Eine kleine Funktion des Etuis gefällt mir im Alltag besonders: Durch Schütteln lässt sich der Ladezustand anzeigen. Grün bedeutet nach meiner Erfahrung voll, Orange steht für einen mittleren Füllstand. Bleibt eine Reaktion aus, ist der Akku leer. Eine genaue Prozentanzeige gibt es damit zwar nicht, für eine schnelle Einschätzung reicht die Rückmeldung aber aus.

Die Anzeige betrifft die Energiereserve des Etuis. Verwechselt sie nicht mit dem Akkustand der eingelegten Brille. Ebenso wenig speichert das Etui die aufgenommenen Bilder, dafür sind die 32GB in der Brille zuständig.

Der Hersteller gibt für das Etui IP67 an, für die Brille IP65. Der Review Guide weist ausdrücklich darauf hin, dass die Brille nicht zum Untertauchen gedacht ist. Aus dem robusten Erscheinungsbild solltet ihr daher keine beliebige Belastbarkeit ableiten.

Datenschutz und rechtliche Grenzen

Eine Kamera in der Brille ist praktisch, für andere Menschen aber weniger offensichtlich als ein hochgehaltenes Smartphone. Die Aufnahme-LED der Berlin ist deshalb sinnvoll. Sie ersetzt jedoch weder eine erforderliche Einwilligung, noch macht sie eine Aufnahme automatisch rechtmäßig. In Deutschland kann bereits das Aufnehmen erkennbarer Personen datenschutzrechtlich relevant sein: Außerhalb ausschließlich persönlicher oder familiärer Tätigkeiten benötigt ihr eine Rechtsgrundlage nach der DSGVO. Für das Veröffentlichen von Personenbildern gilt grundsätzlich das Einwilligungserfordernis nach § 22 Kunsturhebergesetz. Ausnahmen nach § 23 Kunsturhebergesetz bestehen beispielsweise für Personen als bloßes Beiwerk einer Landschaft, sind aber durch berechtigte Interessen der Abgebildeten begrenzt. Eine Aufnahme auf öffentlicher Straße ist deshalb kein Freibrief für Social Media. Unbefugte Tonaufnahmen nichtöffentlich gesprochener Worte können nach § 201 StGB strafbar sein. Dasselbe gilt nach § 201a StGB für bestimmte Aufnahmen aus geschützten privaten Bereichen. Auch die laut Hersteller lokale Speicherung der Fotos beantwortet nicht alle Datenschutzfragen zur App und zu den netzabhängigen KI-Funktionen. Deren Datenflüsse habe ich nicht unabhängig geprüft. Mein praktischer Rat: Sprecht Personen vor gezielten Aufnahmen an und informiert Gesprächspartner, bevor ihr eine KI-Übersetzung einschaltet.

Testergebnis

Getestet von
Holger Becker

Die L’Atitude 52°N Berlin verbindet ein markantes Brillendesign mit einer im Alltag praktischen Kamerafunktion. Aufnahmen aus der eigenen Perspektive sind schnell möglich, und das Ladeetui ergänzt die Brille sinnvoll. Die durch Schütteln abrufbare Ladeanzeige ist ein kleines, nützliches Detail. Auch die Möglichkeit, andere Gläser beim Optiker einsetzen zu lassen, ist grundsätzlich positiv. Die von mir eingeholten Angebote zwischen 30€ und 400€ zeigen allerdings, dass ihr diesen Zusatzposten vorher klären solltet.

Den guten Ansätzen stehen klare Einschränkungen gegenüber. Die Bildqualität lässt in Innenräumen und bei wenig Licht nach. Außerdem sitzt die Brille auf meiner Nase etwas rutschig. Der größte Kritikpunkt bleibt die im Test nicht nutzbare Videofunktion mit Google-Pixel-Smartphones. Die bis zur IFA zugesagte Lösung war bei mir zum Testzeitpunkt nicht angekommen. Für eine beworbene Kernfunktion ist das zu wenig.

Modelle und Preise

Neben der von mir getesteten Berlin bietet L’Atitude 52°N inzwischen auch das Modell Milan an. Beide Smart Glasses verfügen über dieselbe technische Ausstattung mit 12-Megapixel-Kamera, Goya AI, Open-Ear-Lautsprechern sowie Übersetzungs- und KI-Funktionen. Der wesentliche Unterschied liegt im Design: Während die Berlin mit ihrer markanten Navigator-Fassung auffällt, setzt die Milan auf eine klassische Panto-Form und wirkt dadurch dezenter.

Die Berlin ist in den Rahmenfarben „Obsidian” und „Dune” erhältlich. Zur Auswahl stehen orangefarbene, braun verlaufende oder grau verlaufende Gläser. Wechselt ihr häufig zwischen Innen- und Außenbereichen, könnt ihr die Brille auch mit photochromen Gläsern bestellen, die sich automatisch an die Lichtverhältnisse anpassen. Die Standardvarianten kosten 399€, die Variante mit photochromen Gläsern 449€. Die Milan wird zu denselben Preisen angeboten.

Weitere Informationen zu den verfügbaren Modellen, Farben und Gläsern findet ihr direkt beim Hersteller:

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