Nicht nur Google sieht in KI-Brillen den nächsten großen Formfaktor für smarte Geräte. Meta ist seit rund fünf Jahren in diesem Bereich aktiv, hat aber mit schlechter Presse zu kämpfen, weil die Kamerabrillen „Perversenbrillen“ bezeichnet werden. In Potsdam sind Smart Glasses im Freibad seit Juni verboten.
Diese Debatte macht sich der Hersteller Shenzhen Yiwen Technology Co., Ltd. mit der Marke Even Realities im Marketing zunutze. Die AR-Brille wird nämlich aktiv damit beworben, dass keine Kameras verbaut sind. Stattdessen konzentrieren sich die Chinesen auf ein bequemes und leichtes Gehäuse, ein Head Up-Display für Informationen und Benachrichtigungen sowie den hauseigenen KI-Assistenten.
Das lässt sich Even Realities allerdings teuer bezahlen. Bei uns im Test war das G2A-Modell in Grau, das bei Joybuy mit 700€ zu Buche schlägt. Der Unterschied zur Even Realities G2B ist das Design: Beim G2A-Modell ist der Rahmen rund, beim G2B-Modell ist er eckig. Welche Erfahrungen ich über die letzten Wochen mit der AR-Brille gemacht habe, erfahrt ihr hier im Testbericht!
Abmessungen, Design & Tragekomfort
Hier war ich in vielerlei Hinsicht positiv überrascht. Im Lieferumfang liegt ein dunkelgraues, geflochtenes USB-C-Kabel zum Aufladen des Etuis, in dem die Brille geladen wird. Ein Tuch und verschiedene Aufsätze liegen ebenfalls in der Box. Das Etui ist vielleicht nicht in luxuriöse Materialien gehüllt, hat aber dennoch eine gute Haptik. Allerdings stiehlt die Brille diesbezüglich die Show.
Die Even Realities G2 wiegt nur 36 Gramm und besteht laut Hersteller aus Magnesium und Titan. Die Haptik ist wirklich sehr gut. Ich finde sie außerdem sehr bequem, wobei sie ruckartigen Bewegungen nicht ganz so gut standhalten kann wie meine normale Brille. Vor allem die Gewichtsverteilung ist Even Realities aber gut gelungen.
Ich finde die Form auch stylish und von vorne würde ich kaum denken, dass dies eine smarte Brille ist. Die etwas dickeren Pucks hinter den Ohren verraten es dann aber. Ein genauer Blick in die Gläser verrät es auch, weil sich dort die Flächen für das Head Up-Display optisch absetzen. Insgesamt ist diese Brille aber tatsächlich so gebaut, dass man sie den ganzen Tag verwenden kann. Verbunden wird sie mit dem Smartphone via Bluetooth 5.4. Eine IP65-Zertifizierung ist vorhanden.
Die Ladeschale ist ebenfalls gut gemacht, denn die Brille klickt magnetisch sehr zielsicher auf die Ladekontakte und wird dann zügig aufgeladen. Das Etui schließt auch magnetisch.
Auf der Homepage von Even Realities gibt es verschiedene Gläsertypen mit Stärke von 170€ bis 360€. Und einige Spezialgläser gibt es nur bei bestimmten Optikern, die Even Realities hier listet. Mit passenden Korrekturgläsern hätte ich die Brille auf jeden Fall besser in meinen Alltag integrieren können.
Bedienung & Bildschirm
Die Pucks braucht ihr für die Bedienung, wobei das eigentlich erst der zweite Schritt ist. Zu Beginn müsst ihr die Even Realities-App aus dem Play Store herunterladen und euch einen Account erstellen. Dann will die App einen ganzen Haufen Berechtigungen und fragt einige davon bei jedem Start neu ab, wenn ihr sie nicht erlaubt. Das finde ich nicht so toll, jedoch wirken die Berechtigungen sinnig: Die Brille kann nur euren Kalender zeigen oder Fragen basierend auf eurem Standort beantworten, wenn ihr es der App erlaubt.
Die App läuft auf dem Google Pixel 10 Pro (zum Test) komplett rund. Das Design sagt mir nicht unbedingt zu, aber funktional macht alles einen sehr guten Eindruck. Auch die kleine Einführung in die Bedienung beim ersten Verbinden der Brille hat mir gut gefallen.
Die Bedienung der Brille geschieht also durch das Tippen, mehrfache Tippen oder Wischen über die Touch-Bedienfläche hinter dem Ohr. Ich konnte mich schnell zurechtfinden. Ganz ideal ist die Platzierung aber nicht und mit dem separat erhältlichen Smart Ring von Even macht die Bedienung sicherlich mehr Freude.
Ebenso konnte ich mich im System schnell zurechtfinden, denn das komplett grüne User Interface ist sehr einfach gehalten. Die beiden Bildschirme verschwimmen im Sichtfeld zu einem recht hochauflösenden Head Up-Display, dessen Entfernung ich in der App in drei Stufen justieren kann. Das Micro LED-Panel hat laut Datenblatt 1.200 Lux Spitzenhelligkeit, 60Hz und 640 x 350 Pixel. Da die Projektion aber nicht direkt vor euren Augen auftaucht, wirkt es hochauflösender, als die Zahlen vermuten lassen. Die Helligkeit passt, außer an sonnigen Tagen auf hellen Oberflächen.
Die Even Realities G2 im Praxiseinsatz
Es sind keine Kameras mit an Bord und demnach wird hier nichts getrackt. Das System ist nicht an einer Stelle im Raum fixiert, sondern bleibt starr in meinem Sichtfeld. Nach einigen Sekunden geht das Display aus, wenn keine Eingabe erkannt wurde. Dann könnt ihr wieder den Puck antippen oder in der App die Option aktivieren, mit der das Anheben des Kopfes in einem bestimmten Winkel die Brille weckt. Alternativ: „Hey Even“ und mit dem hauseigenen KI-Assistenten sprechen. Dafür stehen vier Mikrofone bereit.
Der funktioniert für grundlegende Aufgaben gut und kann mir das Wetter nennen, einfache Fragen beantworten. Die Ausgabe gibt es als (meist sehr kurzen) Text, denn einen Lautsprecher gibt es in der Brille nicht.
Auf der linken Seite des Head Up-Displays befindet sich eine Uhr mit Komplikationen eurer Wahl, darunter das Wetter oder die Anzahl der Benachrichtigungen. Rechts könnt ihr durch mehrere Widgets scrollen, die ihr in der App auf dem Smartphone hinzufügen könnt. Dort müsst ihr dann auch den Kalenderzugriff gestatten, wenn ihr eure anstehenden Termine in einem Widget sehen möchtet.
Darüber hinaus gibt es Aktienkurse und eine Listenfunktion. Außerdem werden euch neue Benachrichtigungen angezeigt, wenn ihr der App den Zugriff darauf erlaubt. Mein Favorit ist die Navigation, die ihr in der App oder über den Sprachassistenten starten könnt. Das war sehr komfortabel und hat mir als Fußgänger noch besser gefallen, als die Darstellung auf einer Smartwatch. Die Suche ist aber nicht besonders gut. Google Maps auf meiner Pixel Watch 5 (zum Test) ist insgesamt das bessere Fußgängernavi.
Das Teleprompter-Feature ist ziemlich cool. Das Übersetzen von Gesprächen habe ich als etwas hakelig empfunden, also auf dem Niveau von Timekettle ist es definitiv nicht. Und dann gibt es noch Conversate. Ihr labert mit der Brille und dann werden kontextbezogene Sachen angezeigt, in die App übertragen und zusammengefasst. Weiterführende Features wie die automatische Zuweisung bei mehreren Gesprächspartnern, wie es sie im Google Rekorder gibt, fehlen aber.
Wie bereits gesagt: Der Akku mit 192mAh lädt in der Ladeschale mit 2.000mAh innerhalb kürzester Zeit und laut Datenblatt insgesamt sieben Mal. Ich habe es bisher nicht komplett leer bekommen. Bei normaler Nutzung verspricht Even Realities vier Tage Laufzeit. Meine gelegentliche Nutzung holt nochmal weit mehr heraus.
Testergebnis
Ich hatte insgesamt eine gute Zeit mit der Even Realities G2A, also abgesehen vom Fehlen der Stärke. Die AR-Brille kann mit ihrer hervorragenden Optik und Haptik überzeugen. Sie ist bequem und das Display wirkt auf die Entfernung scharf und ist gut ablesbar. Die Bedienung ist flott und intuitiv. Die hinter dem Ohr platzierten Pucks sind aber nicht ideal.
Die Akkulaufzeit ist super und das sehr schnelle Laden im Case konnte auch überzeugen. Mich haben nur die integrierten Features nicht komplett überzeugt. Der KI-Assistent ist in Ordnung, aber Zugriff auf Gemini wäre mir im Zweifel lieber. Genau so die Navigation via Google Maps anstelle der proprietären Lösung von Even. Ich glaube, ich persönlich kann nicht rundum glücklich mit einer Brille werden, wenn auf ihr nicht Android XR läuft. Aber: Even steuert jetzt mit einem hauseigenen App Store dem Problem entgegen!
Der Even Hub ist aber noch ziemlich frisch und riesig ist die Auswahl nicht. Für regulär 700€ fällt mir eine uneingeschränkte Kaufempfehlung deswegen schwer, obwohl optisch, haptisch und technisch sehr viel richtig gemacht wurde. Und eigentlich will man ja auch noch den Ring für 270€ dazu…
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